Testbeitrag

Die Digitalisierung wird
unseren Alltag, unser komplettes Leben mehr und mehr erobern. Ob wir
uns jetzt vorstellen können, welche Dimensionen das annehmen kann,
oder ob uns diese Gedankenspiele überfordern, spielt keine Rolle.
Die Richtung ist klar und unaufhaltsam, das Tempo wird sich erhöhen,
und wer sich nicht aktiv von dieser Entwicklung abwenden möchte, dem
bleibt nur das mitmachen. 
Das Erlernen von
Medienkompetenz ist für Erwachsene wie für Kinder gleichermaßen
von Nöten. Wie soll ich meinem Kind beibringen sich mit seinen
Händen, seiner Phantasie, der Natur zu beschäftigen, wenn gefühlt
Alle in der S-Bahn, auf der Parkbank, an Schreibtischen sich mit
Smartphones und Laptops beschäftigen?
Es ist also eine
gesellschaftliche Aufgabe, sich diesen neuen Anforderungen zu
stellen.
Die Ansätze, die für das
Erwerben besagter Kompetenz entwickelt wurden bzw. werden,
beschränken sich meist, und meiner Meinung leider, auf den
tatsächlichen Umgang mit den Möglichkeiten die uns diese
Werkzeuge/Geräte bieten. Das ist ohne Frage immens wichtig, da im
Dschungel von
Social-Media-Profile-Marketing-Global-Village-Alles-jetzt-online-und-als-App
erst einmal ein Überblick, eine Metaebene, erreicht werden muss, um
nicht völlig verloren zu gehen; oder traumatisiert, abgezogen oder
realitätsfremd zu werden.
Ganz klar ist aber für mich
als Körpertherapeutin: Wir gehen alle körperlich in der
Mediennutzung verloren! Egal, wie sinnvoll das ist, was wir da an den
Bildschirmen gerade machen oder nicht, unser Körper mit seinem
Potential und seinen Fähigkeiten bleibt auf der Strecke. Unsere
Aufmerksamkeit bleibt oberhalb des Kiefers stecken, wir verlieren das
Gespür, reduzieren uns immer mehr auf die pure Gedankenwelt. Und
genau dort sind wir so manipulierbar, von außen und von innen. Wir
nutzen die neuen, smarten Medien für Kommunikation, Arbeit, Spiel,
Kunst, Bildung, sogar für die Partnersuche und Sex. Das bedeutet,
dass Lebensbereiche, die früher mit körperlichen
Auseinandersetzungen verbunden und teilweise auch sehr aufregend
waren, sich auf die Ebene einer beinah körperlosen Erfahrung
verlagern. Die Aufregung und Spannung kreiert der Körper durch den
geistigen Input aber trotzdem. Die spürbare Wahrnehmung dieses
Inputs geschweige denn das Ausagieren der entstehenden
Spannungszustände flacht jedoch völlig ab. Genauso wie unser Atmen,
der uns essentiell mit Energie versorgt.

Die Psychologie kann
mittlerweile mit Studien belegen, dass nur Therapieformen die den
Körper aktiv mit einbeziehen, die eine körperliche Wahrnehmung der
jeweiligen Probleme und ihrer Veränderung den Patienten ermöglichen,
 zu nachhaltigem Erfolg führen.
Kein Wunder also, dass in
der 'Körperlosigkeit', die durch die massive Mediennutzung entsteht,
von allem fragwürdigen Inhalt, dem wir dabei begegnen mal abgesehen,
und abgesehen von dem Stress der durch Dauererrreichbarkeit kriert
wird, die Zahlen für Angststörungen und Depressionen stark steigen.
Von den entstehenden körperlichen Defiziten ganz zu schweigen.

Es bringt uns aber nicht
weiter das Problem bei den Medien zu suchen oder alle entstehenden
Einseitigkeiten/Störungen zu diversen Therapeuten zu tragen. Ich
sehe die Lösung in jedem Körper und somit bei uns.
Wie können wir uns so
weiter entwickeln, dass wir dauerhaft, also durch den ganzen Tag
hindurch, in einer präsenten Körperwahrnehmung bleiben? Mit welchen
Übungen können wir bereits unsere Kinder anleiten Spannungen
abzubauen und ein positives Körpergefühl zu verankern?
Es fühlt sich beinah so an,
als wäre das die zentralen Fragen der nächsten menschlichen
Entwicklungsstufe. Eine Art Inkarnation 2.0..

Der natürliche Impuls eines Körpers, der sich nicht wohlfühlt bzw.
traumatisiert wurde 
(und damit meine ich auch kleinere Erlebnisse
die unsere Grenzen verletzen und nicht gleich verarbeitet werden
können bzw. die Erfahrung von 'Entwürdigung unseres Seins' –
unsere Würde einfach als Lebewesen auf dieser Welt wichtig und
existenzberechtigt zu sein, ohne sie durch unsere Leistung oder
Produktivität oder Genialität ständig beweisen zu müssen, ist
leider im neokapitalitischen Hamsterrad ein schwer zu bewahrendes
Gut) 
ist es, jeglichen Spannungszustand (und auch Depressionen
und Ängste sind eine Art geistiger 'Verspannung') in einem
geschützten, ruhigen Raum wieder zu lösen. Dies ist das natürliche
Verhalten von Säugetieren, zu denen wir einfach auch zählen, um
traumatisierende Erlebnisse zu heilen und Stress abzubauen. Und
dieses Verhalten des Lösens von Spannungen, die so oder so entstehen
(!), plus der Erhöhung der Körperwahrnehmung müssen wir auf einer
alltäglichen Ebene etablieren lernen. Damit wir unseren Körper als
Anker behalten in der rauen See des momentanen Weltklimas, also
nochmals umfassender inkarnieren, hinein in eine Art zelluläres
Bewusstsein. 
Körperwahrnehmung über Atem-, Tiefenmuskulatur-,
Faszien- und Bewegungs-Übungen, erreicht uns durch die universelle
und ortsunabhängige Anwendbarkeit auf genau dieser zellulären
Ebene. Und, meiner Erfahrung nach, ist diese unerlässlich im
unendlichen Dschungel der digitalen Informations- und Erlebniswelt.
Es reicht nicht mehr, ein bis zwei mal die Woche Sport oder Yoga zu
machen, es reicht nicht, uns mit Entspannungmethoden zu beschäftigen,
zu meditieren oder spazieren zu gehen. Wir, und vielmehr noch unsere
Kinder, die überhaupt keine Vorstellung einer vordigitalen Zeit
haben, brauchen ein aktives Etablieren der Körperlichkeit Tag für
Tag, Stunde für Stunde, in jedem Augenblick zugänglich.

Einfache
erste(!) Möglichkeiten dafür sind dreidimensionale, große
Bewegungen, ein Schütteln des Körpers oder ein Stampfen, in
Kombination mit einer tiefen, kraftvollen Atmung. Angeleht an die
rituellen Tänze von Urvölkern, das Tanzen mit starkem Erdkontakt,
das Stampfen, das übrigens unsere Hüfte in der heutigen Form mit
der Fähigkeit zu aufrechtem Gang erst ermöglicht hat Wenn wir das
in einer kreativen Weise, die unserem jeweiligen Temperament
entspricht (sei es mit Musik, eigenem Gesang, mit Grimassen und
Grunzen) mind. 3Minuten täglich intensiv körperlich (das bedeutet
auch eine Komfortzone zu verlassen und uns nicht wie gewohnt bzw.
angepasst zu verhalten) umgesetzt, holen wir uns das unterdrückte
Energie- und Bewegungspotenzial zurück! Wenn eure Kinder wieder
völlig apathisch nach Medienkonsumn sind, lasst sie drei Minuten
abzappeln. 

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